Ein absurder Notfallplan

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Leben und Tod

Ganz offensichtlich ist es ein Wunder, dass ich meine Bilderbuchkindheit überlebt habe! Bis ich ungefähr vier Jahre alt war, lebten wir in einem Einfamilienhaus in einem kleinen Ort bei Garmisch.

Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich drauf gekommen sind, aber letztes Jahr erfuhr ich beim Plaudern mit meiner Mutter, dass sie uns Kinder [mein Bruder ist drei Jahre älter als ich] hin und wieder  abends alleine gelassen haben, wenn sie in der nahegelegenen Gaststätte waren.

Ganz selten. Meistens war ein Babysitter da. Und wenn wir tatsächlich mal weg waren, sind wir abwechselnd ganz oft heimgegangen, um nach dem Rechten zu sehen.

Mich hat der Schlag getroffen! Dazu muss man wissen: Unser Kinderzimmer war in einem ausgebauten Dachzimmer. Das alleine war schon sehr abenteuerlich, denn in dieses Dachzimmer führte nur eine sehr steile Leiter.

dach1

Das Zimmer hatte auch keine Türe, sondern eine große Dachluke. Die war immer zu drei Vierteln geschlossen, so dass praktisch nur die Leiter und ein Mensch Platz hatte. Alle glaubten, mein Bruder sei nicht in der Lage, die große Luke zu öffnen, war er aber prinzipiell:

dach2

Passiert ist übrigens nie was, mir wird nur mit heutigem Erwachsenenblick ganz schwindlig … was da alles passieren hätte können!

Der Lageplan war so: Links ist unser Haus, dann ist ein etwa fünfminütiger Fußweg (wenn überhaupt), der über eine kleine Steigung – das Colabergerl – führt, und da war die Gaststätte. Ich gehe davon aus, dass das Colabergerl kein Colabergerl war, aber als Kind war mir klar, dass der Name daher kommt:

dach_colabergal

Die Gaststätte war also nicht weit und sie lag etwas erhöht. So konnte man bequem von drüben auf unser Haus schauen und zum Beispiel sehen, wenn das Licht im Dachzimmer noch brennt, obwohl wir schlafen sollten.

dach_lageplan

Kurz nach der schockierenden Nachricht, dass wir kleine Kinder da oben im Dachgeschoß ganz alleine waren, sitze ich mit meinem Vater und meinem Bruder zusammen – und erzähle Ihnen ganz schockiert, dass ich das jetzt erst erfahren habe.

Beide verstehen meine Empörung nicht.

Denn es gab ja einen Notfallplan, den sie durchgesprochen haben.

Und zwar diesen:

dach_plan

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Veröffentlicht von

Ich bin x-fache Buchautorin, Schmarrnproduzentin und Schreibcoach für EinzelunternehmerInnen: Texte für dein Business. Ich coache. Du schreibst. Alles rund ums Schreiben findest du auf schreibnudel.de (dafür gibts einen Extra-Newsletter).

8 Kommentare

  1. Hallo Gitte,

    so ganz spontan fallen mir da schöne „sturmfreie Bude Spiele“ ein:
    Leiter runterrutschen, Signale zu anderen Häusern senden (Spiegel, Taschenlampe), auf dem Dach herum klettern.
    Aber sonst, ist doch alles gut gegangen:-)

    Viele Grüße
    Silke

  2. Hallo Gitte, ganz köstlich deine bebilderte Geschichte. Hat mir den Tag echt schon versüßt. Deine Bilder sind auch cool! Und ich kann deine Empörung gut nachvollziehen. Früher ist entweder wirklich weniger passiert oder die Leute wussten es nicht besser. Dennoch. Die Unbeschwertheit dieser Zeit hat auch was. Und deine Eltern scheinen einen guten Humor zu haben ;o)
    Liebe Grüße, Birgit

  3. Also, aufregen im Nachhinein, wozu? Ist doch alles gut gegangen.
    Und wenn ich jetzt in der Zeitung lese, dass eine „Großmutter-Gang“ (so nennen die sich echt!) Grundschüler an der Bushaltestelle erwartet und mit den Kindern zur Schule marschiert, dann kratze ich mich erst mal am Kopf. Lese weiter. Der Aha-Effekt: die Kinder werden immer dicker, tragen ihre Tornister nicht mehr selber und bewegen sich möglichst wenig. Diese Omi-Gang sorgt dafür, dass diese Kinder nicht mehr von Mama im Auto zur Schule kutschiert werden, Kladde neben sich auf dem Rücksitz und so wieder nach Hause geraten.

    Überlege ich mir, wie ich früher die knappen 1,5 km zur Schule gegangen bin, dann… und auch noch, dass meine Eltern mir tatsächlich so einen grässlichen grünorangenen Tornister gekauft haben (1980) . Aaaaber – der verteilte das Gewicht sehr gut, konnte nicht bis in die Kniekehlen hängen und die Wirbelsäule verbiegen und ich lief zweimal dieselbe Strecke mit Gewicht am Tag. Traf Schulfreunde unterwegs, mir war selten langweilig dabei.
    Die kutschierten Kinder von heute tun mir leid und die Eltern mit ihrem Fahrverhalten „meinem Kind darf nix passieren“ und dabei fast andere Kids umfahren (sind ja nicht unsere…) gehen mir gewaltig auf den Keks!!

    Übrigens, ich wohnte damals mitten in der Stadt. Ohne Handy, gab es nicht. Mich gibt es immer noch und meine Eltern sind noch nicht an Herzversagen gestorben, weil ich früher mal 2 h später zuhause war. Der Flow beim Spielen…

  4. Nochwas fällt mir ein. Als ich auf die höhere Schule kam, musste ich in einen anderen Stadtteil und hielt es ganze 2 -3 Monate im Schulbus aus. Danach setzte ich mich gefühlt zum ersten Mal für was Wichtiges bei meinen Eltern durch: Mit dem Fahrrad zur Schule. Über einen kleinen Berg, 2 große Straßen und mehrere 30-er Zonen. Frischluft jeden Morgen und Mittag, bei Wind und Wetter. Nur wenn es gar zu gruselig draußen wurde – Glatteis, etc. hockte ich im übervollen Bus. Und brauchte per Bus ca. 1/2 h länger als mit dem Bike.

    Oha, ich versacke gerade in Erinnerungen. Mache mich gleich auf den Weg – Herbstspaziergang bei fliegenden Blättern!!

  5. Du bist der Wahnsinn! Herrlich. Seit die Himbeerwerft neu aufgelegt ist, schau ich nahezu täglich vorbei und gucke nach, ob es schon wieder was Neues gibt. Deine Zeichnungen sind echte Herzerfreuer und Lachbringer mit Sinn und Verstand.

    Wart nur ab: alsbald werden sich die Verlage um Dich reißen. Dann geht die Bestsellerei los und die Villa Cognac sowie das Superduperprofi-Zeichenbord werden angeschafft.

    Allem voran jedoch: Auf dass Dir die Freude am Zeichnen nie ausgeht.!!!!

    Bis morgen, Yvonne

  6. Gitte Härter

    Dankeschön in die Runde 🙂 Wie schön, dass Euch die Bildergeschichten auch zum Lachen bringen.

    Und das stimmt: Das waren wirklich andere Zeiten früher. Wie lustig, dass wir jetzt in dem Alter sind, wo wir das verkünden – denn es sieht so aus, als ob wir alle ungefähr im gleichen Alter sind … und zwar nicht „alt“. Okay, das kommt auf die Sichtweise an. 😉

    Einen schönen Tach!
    Gitte

  7. Ich glaub, mit dem Bruder an der Hand, kann einfach nix passieren:-))). Daher die Unschuldsminen der meinen Männer …

    LG Inita

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