Oh no! Ich werde wie Frau Grassl!

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Leben und Tod

endederausredenVor einigen Jahren lese ich gerade so

Das Ende der Ausreden: Was alles möglich wird, wenn wir nur wollen.

Ein super Buch übrigens.

Unter anderem steht sinngemäß drin, dass sich Verhaltensweisen mit der Zeit immer mehr verstärken.

Plötzlich trifft es mich wie der Blitz: Die Chancen stehen gut, dass ich zu Frau Grassl werde!

Frau Grassl war …

…, ja wie soll ich das ausdrücken. Fang ich lieber mal so an: Ich bin ja sozusagen auf dem Dorf groß geworden. Als ich miniklein war, wohnten wir in Burgrain.

Danach waren wir einige Jahre in Farchant. Später dann sind wir nach Griesen ins Exil gezogen. Frau Grassl war eine Nachbarin in Farchant.

Dort wurde in den 70ern am Dorfrand eine kleine Wohnanlage gebaut. Ich war damals erst in der zweiten Klasse rum, doch wenn ich mich recht erinnere, hat meine Mutter mal erwähnt, dass das teilweise Sozialwohnungen waren – jedenfalls irgendwie bezuschusst. Fünf Häuser, die im Kreis angeordnet und mit Wegen verbunden waren.

Die Mischung der Leute, die da gewohnt haben, huiuiui!

Da war alles vertreten: Alle Altersgruppen, „typische“ Familien wie uns und eindeutig problembeladene Familien (und das ist jetzt nett ausgedrückt, es gäbe ein paar krassere Wörter, die gut gepasst hätten). Insgesamt war es aber okay, dort zu wohnen – es gab viele Kinder. Kinder gehen da ja eh locker miteinander um. Gelegentliche Dramen und Ärger gibt’s ja überall.

Jedenfalls war Frau Grassl dorfbekannt: Sie trug immer eine dunkle Brille und einen schwarzen, langen Mantel. So lief sie unablässig vor sich hinbrabbelnd durch die Straßen.

Ich glaube nicht, dass sie irgendwie nicht mehr bei Sinnen war. Warum, das kommt gleich. Aber sie wirkte eindeutig verrückt, wie sie da ständig in Selbstgespräche vertieft durch die Gegend rannte.

Nun sind Kinder ja oft ziemlich gemein und darum wurde Frau Grassl gerne gedratzt [tratzen, triezen]. Ich will mich nicht heiliger machen, als ich bin, aber ich kann mich nicht erinnern, mitgemacht zu haben. Da bin ich ziemlich sicher, weil ich in der Beziehung richtig erzogen worden bin. Aber manchmal täuscht einen das Gehirn. Aber das ist gerade gar nicht so wichtig.

War Frau Grassl aufgebrachter als sonst, schrie sie rum:

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„Wessn!“ – in einem scharfen, ausspuckenden Tonfall – war eines ihrer Haupt-Fluchwörter. Keine Ahnung, was das heißen sollte.

Meine Mutter hat mir kürzlich erzählt, dass Frau Grassl eine verbitterte Frau war, die kein schönes Leben hatte.

Frau Grassl erschien uns unberechenbar. Einige Kinder behaupteten, dass sie mal abends, als es ihr unter ihrem Fenster zu laut wurde, einen Eimer Wasser rausgekippt hat:

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Die Mutprobe

Nicht nur mir war Frau Grassl jedenfalls unheimlich. Darum haben wir eines Tages todesmutig bei ihr geklingelt.

Als Kind habe ich früh entdeckt, dass man sehr gut Geld damit verdienen kann, dass man seinen Nachbarn ein paar Blumen „schenkt“. Das ging in der Reintalstraße los, wo ich Blumen für Frau Kienzerle gepflückt habe, die über uns gewohnt hat. Frau Kienzerle mochte ich total gerne und war auch viel bei ihr oben beim Reden und Spielen – aber ich wusste auch: Wenn ich ihr Blumen bringe, schenkt sie mir was, meistens ein bisschen Geld. Ein Bonus! Gerade als kleines Kind kann man nie genug zusätzliches Geld haben.

Ich hatte damals auch eine effiziente Vorgehensweise. Leider hat unsere Nachbarin von nebenan, Frau Schrader, mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, als sie eines Tages bei meiner Mama klingelte:

„Sagen Sie bitte der Gitte, sie soll nicht immer meine Stiefmütterchen aus dem Beet pflücken!“

Naja, seitdem bin ich ein paar Meter weiter auf die „Bauernwiesn“ ausgewichen. Gänse- und Butterblumen taten es auch.

Mit irgendeiner Nachbarsfreundin habe ich dieses Geschäftsmodell in der Frickenstraße wieder aufgegriffen, und so rupften wir immer wieder eine Handvoll Blumen. Dann nach und nach bei den Nachbarn durchklingeln, total nett die Blümchen überreichen – und wassss? Sie wollen uns was schenken? Ein bisschen Geld? Wenn Sie drauf bestehen …

Etwas später, in Griesen, haben wir das modifziert auf Weihnachtslieder singen:

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Diese Zeichnung ist nicht einfach schlampig gemalt, sondern so schlampig sah mein zusammengeschustertes „Engels“kostüm aus. Singen konnte ich übrigens noch nie. Auch waren wir viel zu groß und völlig ohne Süßheitsbonus, den kleine Kinder automatisch haben. Aber Geld oder Schoki haben wir trotzdem bekommen. Vermutlich, damit wir keine Zugabe geben.

Jedenfalls kamen wir mit unserem Blümchenfeldzug zum Haus von Frau Grassl. Wir kannten ja unsere Nachbarn, und in diesem Haus konnte man das Erdgeschoß vergessen, aber ein Stockwerk drüber wohnten gleich drei ältere Frauen: Die nette Frau Müller und die nette Frau Schöller mussten unbedingt besucht werden. Bei beiden war ich auch so öfter mal. In der Mitte wohnte Frau Grassl!

Wir also zu zweit unterwegs und ganz spontan, direkt vor der Tür, kam eine von uns auf die Idee, auch bei ihr zu klingeln. Oh no! Können wir das wagen? Das Herz klopfte wie wild.

Als Kind hält man ja alles für möglich. Ich hatte jetzt keine Todesangst, aber mir war total unwohl, denn sie hätte ja auch ausflippen können. Aber Mutprobe ist Mutprobe, also:

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Ich fühl mich noch da stehen.

Die Sekunden, wo man bangt, was passiert.
Ein bisschen hofft, dass niemand daheim ist.
Und dann hört man Schritte näherkommen …

Rückblickend stelle ich mir vor, dass Frau Grassl wahrscheinlich mehr als überrascht war, dass überhaupt mal jemand klingelt. Und dann stehen da zwei kleine Mädchen und halten Blümchen hin. Sie nimmt die Blumen, dreht sich brabbelnd um und geht weg, lässt aber die Türe auf.

Wir warten.

Dann kommt sie zurück und gibt uns 20 Pfennig „für ein Eis“.

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Zwei Dinge schießen mir durch den Kopf:

Wow! Die Frau Grassl hat uns 20 Pfennig gegeben und nicht etwa den Kopf abgerissen!

Und:

Hey, für 20 Pfennig kriegt man doch kein Eis!

Die Tür geht zu.
Wir fangen wieder an zu atmen.

Was das mit meiner Zukunft zu tun hat?

Ich habe jetzt schon eine Tendenz zu Selbstgesprächen.

Ich rege mich total über rücksichtslose Leute auf, die mich lärm- oder geruchsbelästigen oder im Weg stehen … und das mit dem Eimer Wasser kann ich mir hervorragend vorstellen!

Ich bin ein oller (selbst gewählter) Einsiedler …

Und wenn sich das alles deutlich mit zunehmendem Alter verstärkt, dann werde ich wie Frau Grassl – oder wie die crazy cat lady von den Simpsons, die auch immer schimpft und ihre Katzen durch die Gegend wirft. Nur, dass es bei mir Hunde sind.

 

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Ich bin x-fache Buchautorin, Schmarrnproduzentin und Schreibcoach für EinzelunternehmerInnen: Texte für dein Business. Ich coache. Du schreibst. Alles rund ums Schreiben findest du auf schreibnudel.de (dafür gibts einen Extra-Newsletter).

4 Kommentare

  1. Ich überlege gerade, ob man aus derarigen frühkindlichen Geschäftsaktivitäten Rückschlüsse auf eine spätere Selbstständigkeit ziehen könnte? Das ist doch einfach kreativ – und was sollen Kinder anderes machen, als Blumen rupfen, Hunde Gassi führen oder sonstige Hilfsdienste anbieten? Hat mich echt ins Nachdenken gebracht …. früh übt sich …. weil ich auch ne „Jung-Jobberin“ war.

    Ach ja und der Eimer Wasser, liebe Gitte, das tät ich mich mal gerne trauen. Oder ganz andere, „böse“ Dinge, zum Besipiel bei Türen zuknallenden Nachbarn …. aber das ist ein anderes Thema :-).

    Liebe Grüße
    Sylvia

    • Huhu Sylvia,

      ja, ich glaube auch, dass es manchmal so Business“kinder“ gibt – aber so typisches Zeug, wie ich und du hier aufzählen, „gildet“, glaub ich, nicht in dieser Hinsicht.

      Aber es gibt ja wirklich diese geschäftssinnigen Kinder, die schon irgendwelche Einkaufsdienste-gegen-Provision oder Entwicklerambitionen etc. haben und das oft schon früh fast schon professionell mit Gewinn aufziehen, und nicht nur für bissl Taschengeldaufbesserung. Da kann ich mir gut vorstellen, dass das so Vorzeichen sein können.

      Holldrio!
      Gitte

  2. Eine wunderbare Geschichte, Gitte – ich bewundere es total, wie locker-flockig Du das schreibst. Plauderton? Ich bin gespannt, wann was von der“ crazy dog lady in München“ in der tz steht. Ich werde das jetzt mal verfolgen! 😉
    Selbstgespräche sind übrigens prima, die helfen nämlich super bei der Konzentration aufs Wesentliche.

    • Dankeschön. 🙂

      >>Ich werde das jetzt mal verfolgen!

      Ja, Doris, und wenn dann irgendwelche Journalisten bei dir klingeln, weil sie dich als Blogleserin irgendwie ermittelt haben, kannst du sagen: „Ich hab das schon länger kommen sehen, dass das irgendwann eskaliert!“

      >>Selbstgespräche sind übrigens prima …

      Aha! Eine weiteres Mitglied im Selbstgespräche-Club. Darauf ein „Wessn!“

      Wenn wir uns vorher nicht mehr lesen: Wunderschöne Feiertage!
      Gitte

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