Als ich mal einen Tanzpartner gesucht habe

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Ja wos is jetz des?

Manchmal bin ich so naiv, das geht auf keine Kuhhaut.

1992 zum Beispiel habe ich mir in den Kopf gesetzt, wieder mal zu tanzen. Wie jede Frau weiß, die gern Standard/Latein tanzt, sind Männer, die gut tanzen UND führen können, rar. Einfach in eine Tanzschule marschieren und nach „übrigen“ Männern fragen, ist keine Option. Die Guten sind weg und mit einem toten Fisch beharrlich gegen den Rhythmus tanzen, wollte ich um jeden Preis vermeiden.

Damals gabs in München das Kurz & Fündig, ich weiß gar nicht, obs das heute noch gibt. Das war ein sympathisches, kleines Anzeigenblatt, wo man getrost seine Balkonmöbel verkaufen oder Grüße veröffentlichen konnte, denn die Nutzer waren Normalos und keine Irren. Lustigerweise habe ich übers Kurz & Fündig seinerzeit auch meine Stelle in der Bildagentur bekommen – selbst kleines Inserat geschaltet. Meine künftigen Chefs haben es gelesen und tatsächlich reagiert. Das waren noch Zeiten!

Darum hielt ich es für eine phantastische Idee, unter TANZPARTNER GESUCHT zu inserieren.

Schlag Erscheinungstermin fängt mein Telefon an zu klingeln und hört gar nicht mehr auf!

Na sowas! So viele Männer, die Standard/Latein mit mir tanzen wollen …

Ein Naivitätsanfall hält leider gerne mal eine Weile an. So kam es, dass ich tatsächlich Treffen ausgemacht habe.

Einer wollte sich in einem Lokal treffen, um einfach mal so zu sehen, ob die Chemie stimmt. Haben wir gemacht, aber irgendwie kam mir das gar nicht so wie ein Tanzpartner-Gespräch vor … genauso wie die Anrufer meistens überhaupt nicht übers Tanzen reden wollten …

Da dämmerte es mir.
Ganz langsam.

Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich ein eindeutiges Inserat in der richtigen Rubrik gebucht hatte. Mit „Standard/Latein“, Tanzkurse zusammen besuchen und Level. An sich nicht misszuverstehen.

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Der Feste-an-sich-Drücker

Nachdem ich meine temporäre Blödheit überwunden hatte, filterte ich am Telefon radikal aus, was leider meine Ausbeute an Tanzpartnern auf lediglich zwei weitere Kandidaten schrumpfen ließ.

Jetzt war ich auch schlauer und ließ mich gar nicht erst auf irgendwelche Vorab-Treffen ein. Nun wird gleich getanzt! Um weitere Missverständnisse auszuschließen am besten bei einer dieser Sonntagnachmittag-Übungspartys in einer Tanzschule.

Ich treffe mich mit nennenwirihn Fred. Fred macht mir einen guten Eindruck: Er ist doppelt so alt wie ich und ganz offensichtlich am Tanzen interessiert.

Wir also auf die Tanzfläche und *press* passt kein Blatt Papier mehr zwischen uns. Und zwar nicht nur mal kurz, sondern diese Presshaltung wird intensiv aufrechterhalten. Ich will nicht unanständig werden, aber ich hätte exakt die Maße … lassen wir das.

Zum Glück wird gleichzeitig klar, dass das nichts Sexuelles ist. Für Fred gehört es offenbar zu guter Führung, die Frau unter konstant gehaltenem Pressdruck an sich zu betonieren. Außer es geht um eine Drehung: Dann schleudert er mich grob in einem Affenzahn von rechts nach links und presst mich energisch wieder an sich.

Fred tanzt nicht aus Freude. Fred braucht eine Requisite, die er schraubstockartig an sich zwingt. Er dreht, wirbelt und presst mit einer Verbissenheit, die ihresgleichen sucht.

Schnell weg.

Der nächste Kandidat

Meine Eltern waren beide bei der Polizei. Ich lese seit ich 11 bin über wahre Kriminalfälle, war einige Zeit im Dezernat für Kapitalverbrechen als Tippse angestellt und mit einem Polizisten liiert. Ich würde nie im Erdgeschoß wohnen und wenn der Zahnarzt ein Röntgenbild macht, sag ich: „Jetzt kann man mich schneller identifizieren.“

Trotzdem stimme ich zu, als der zweite Kandidat vorschlägt, mich mit dem Auto abzuholen, um zu einem Tanzlokal zu fahren.

Wir machen also den Termin aus.

Einige Tage später ist es soweit. Ich habe Schuhe und Jacke schon an, weil ich immer frühzeitig fertig bin, so dass ich gleich losgehen kann, wenn es klingelt.

Ich sitze da also ein paar Minuten vor der vereinbarten Uhrzeit in meinem Wohnzimmersessel. Plötzlich denke ich mir.

Daheim abholen lassen.
Zu einem fremden Mann ins Auto steigen.
Zu einem mir unbekannten Tanzlokal fahren.
Das es vielleicht gar nicht gibt.

 

Nun bin ich ein gewissenhafter Mensch.

Ich würde nie einfach nicht aufmachen.
Ich wollte auch nicht ad-hoc sagen „doch nicht, tschüssi“.

Darum tue ich das einzig Logische: Ich notiere in meinem Kalender, wer mich umgebracht hat, und gehe runter.

Vor der Tür steht ein uralter, kackbrauner Manta. Daneben ein Cowboy-Verschnitt: Vokuhila, Koteletten, Western-Halskette und -Stiefel. Beide sind offenbar vor fünfundzwanzig Jahren losgefahren.

Der Cowboy öffnet die Beifahrertüre. Zentimeterhoch steht der Müll im Auto. Jetzt weiß ich sicher: Das ist ein Serienmörder.

Also steig ich ein und schlage die Türe hinter mir zu.

Im Auto mach ich Smalltalk: „Und? Was machst du so beruflich?“

Er:

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Jetzt bin ich sauer. Nicht, dass ich verlangen würde, dass er anhält, damit ich aussteigen kann. Nee, ich stelle ihn zur Rede, was das soll.

Er lenkt ein und erzählt mir verschiedene Storys vom Pferd, was er beruflich alles so macht. Nichts passt zusammen.

Ah. Ein Plus:
Er steuert tatsächlich ein Tanzlokal an.

Aber was für eins!

Die Rotlicht-Kaschemme

Es gibt ja so Lokalitäten, da würde man im Leben nie einen Fuß reinsetzen. Genau so eine war das.

Ein Tanzlokal mit Stundenhotel-Touch.
Mit Nischen und roten Lampen.

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Es ist später Nachmittag. Die Spelunke ist fast leer, mein Begleiter wird begrüßt wie ein Stammkunde. Wir setzen uns in eine der Nischen.

Rechts von uns die minikleine Tanzfläche, die allenfalls schiebergeeignet ist [jetzt hab ich grad einen Lachattacke bekommen, weil ich auf der Suche nach dem hochdeutschen Wort für „Schieber“ erfahren habe, dass das Steh-Blues heißt]. Es läuft Schlagermusik.

Ich sitze also da in meinem Elend und überlege mir, wie ich dem möglichst unfies ein Ende mache. Ja, früher hatte ich da einfach noch Skrupel und dachte „Ach, vielleicht tue ich dem ja Unrecht und jetzt bin ich halt eine halbe Stunde lang höflich und dann is‘ gut.“

Die Apfelschorle kommt.
Der Cowboy lehnt sich vor.
Der Blick wird tief.

Er – extra sanft: „Was bist du eigentlich für ein Sternzeichen?“
Ich – mit peitschender Schnippigkeit: „Löwe.“

Er:

*
Ich: [sprachlos vor Entsetzen]

Er – mit noch tieferem Blick:

*
Ich: [WTF?!!!]

Meine Gedanken rasen: Ich gehe aufs Klo und flüchte durchs Fenster. Ich rufe die Memmes an und frag sie, was ich machen soll. Jetzt dringt der aktuelle Schlager an mein Ohr [und wer auf den Text achtet, erkennt die Stelle, an der ich mir plötzlich denke:] Wenn der jetzt mit mir tanzen will und mich anfasst, schrei ich.

Diese Panik beendet meine Höflichkeit.
Ich sag, dass das nichts wird und ich jetzt gehe.

Er ist nicht begeistert.

Kurze Multiple-Choice-Frage:

Der Cowboy sagt: „Ich fahre dich heim!“

Was mache ich?
(A) Ich sage „Nein danke“ und nehme die U-Bahn.
(B) Ich steige wieder zu dem fremden Mann ins Auto.

 

Im Auto

Als wir im Auto sitzen, fällt mir auf, dass ich erneut zu meinem mutmaßlichen Mörder eingestiegen bin. Jetzt wird mir ganz schön mulmig.

Wir fahren so und als er an einer Ampel anhalten muss, langt er doch tatsächlich rüber und greift auf meinen Oberschenkel. Er tut so, als sei das ein Reflex gewesen, weil er bremsen musste.

Waaaaah!

Schon fahren wir weiter.

Jetzt fragt er, ob mein Freund denn nichts dagegen hat, wenn ich einen Tanzpartner suche.

Ich denke mir: „Der Mörder will ausloten, ob jemand weiß, dass ich bei ihm im Auto sitze“ und sage lockerflockig „Mein Freund ist bei der Polizei, der hat Schichtdienst und kann keine Tanzkurse machen.“ – Das stimmt. Zum Glück stand sein Name auch noch auf dem Klingelschild, denn kurz zuvor hatten wir uns getrennt.

Jetzt sagt er nichts mehr und fährt mich heim.
Ich lebe.

Nun kann man sagen: „Mei Gitte, der war sicher harmlos.“ Dem würde ich auch zustimmen, wenn ich ihn nicht einige Wochen später in der Zeitung erkannt hätte. Auf einem Phantombild.

 

* Ja, ich habs gemeldet. Nein, ich weiß nicht, ob ers wirklich war.

 

Veröffentlicht von

Ich bin x-fache Buchautorin, Schmarrnproduzentin und Schreibcoach für EinzelunternehmerInnen: Texte für dein Business. Ich coache. Du schreibst. Alles rund ums Schreiben findest du auf schreibnudel.de (dafür gibts einen Extra-Newsletter).

14 Kommentare

  1. Aaaaaaaah… ich hab’s gewusst! Die Gitte ist Löwe. Wir müssen unsere „Pläne“ jetzt leider noch mal überdenken. Das harmoniert nicht. Dabei kann nur unmus rauskommen.

    Gruselig (@Nord_Seehund) fand ich das obige jetzt aber nicht, eher schon ein bißchen süss, wenn man sich das alles mal konkret ausmalt. Danke für die vielen Details. Hat sehr viel Spass gemacht zu lesen (und zu hören).

    Jetzt noch mal kurz klugscheißen: Wenn man es richtig macht, sollten die Becken beim Wiener Walzer schon „eng“ anliegen (obenrum darf und muss mehr Luft sein). Jetzt hat der arme Kerl (teilweise) völlig unberechtigt Schelte bekommen.

    • Ich muss eh erst reich werden (dauert noch).
      Dann die Villa Cognac bauen.
      Dann schreibe ich die Stelle aus.
      Dann kannst du es dir ja noch mal überlegen, ob du dich bewerben willst. 😉

      PS: Klar gibts einige Tänze mit engem Körperkontakt. Aber grobes PressSchleudern ist eine andere Liga.

  2. hahahahaha! hihihi… herrlich!
    hehehe… hihi.
    Danke für den Lacher des Abends.
    LG
    Barbara

    PS: Ich glaube ja, Naivität ist ein Übergangsphänomen bei Frauen zwischen 15 und 25. 🙂

    • Schau, Natalie, dann stimmt das doch mit der Naivitätsphase (als „Bambi“ triffts genau) 😉

  3. Herrlicher Schreibstil! Ich bin froh zufällig auf diesen Blog gestoßen zu sein und werde auch sofort die Youtubevideos durchstöbern. Habe bei der Geschichte extremst mitgelacht und mitgelitten. Einfach nur wow, aus so etwas, ja eigentlich alltäglichem, etwas so genial geschriebenes zu machen.

    • Gitte Härter

      Huhu Annika,

      dankeschön für das superschöne Feedback. Ich freu mich total!

      Viel Spaß beim Stöbern
      und auf wiederlesen
      Gitte

  4. Liebe Gitte,

    dieser Artikel ist – bei all den vielen tollen Texten von Dir – mein absoluter Favourite!! Habe ihn kurz nach Erscheinen und jetzt wieder gelesen. Und jedes Mal den totalen Lachflash gekriegt!! Wie kannst Du nur sooo einen SAULUSTIGEN Text schreiben!!! Ich liege hier und kann nicht mehr….

    Mit den herrlichen Audios und Links dazwischen . …gröl…

    Dann das Beste: die eingerückte „Kurze Multiple-Choice-Frage“ … ich schmeiß mich weg….

    Der Cowboy sagt: „Ich fahre dich heim!“

    Was mache ich?
    (A) Ich sage „Nein danke“ und nehme die U-Bahn.
    (B) Ich steige wieder zu dem fremden Mann ins Auto.

    Also, einfach ein „Must-read“… werde ich mal weiterleiten. So genial…
    kicher…. ;-)))

    Liebe Grüße und bis bald in Deinem Workshop im August
    – freue mich schon!
    Elke

    • Liebe Elke,

      freut mich total, dass du dich kaputtlachst! 🙂

      Wie das immer so ist: Im Nachhinein ist alles total abstrus und man hat eine gute Geschichte, aber in der Situation … holla, die Waldfee!

      Jaaaaaaaaaaaaaa, im August workshoppen wir, dass es kracht.

      Herzliche Grüße
      und ein schönes Wochenende
      Gitte

  5. Liebe Gitte,
    ich musste gerade schmunzeln, bei Deinem Artikel über das Tanzen und die Tanzpartnersuche. Heute gibt es ja zum Glück das Internet, was aber an der Tatsache auch nichts ändert, dass viele Tanzen mit Dating verwechseln und potentielle Tanzpartner beim Probetanzen feststellen, dass praktisch über Nacht alle zuvor hoch gelobten Tanzkenntnisse abhanden gekommen sind.
    Für alle die ernsthaft einen Tanzpartner suchen, habe ich hier ein paar hilfreiche Fragen, mit denen Ihr schnell die Blender enttarnt:
    * Wie lange der letzte Kurs her? – sollte idealerweise nicht länger als 1 Jahr sein
    * Fragt, wann der potentielle Tanzpartner das letzte Mal tanzen war – sollte idealerweise nicht länger als 3 Monate her sein
    * Wie oft ist der vermeintliche Tänzer zu seiner aktiven Zeit tanzen gewesen und wie lange war er „aktiv“ – in der Regel sollte jemand mindestens 2-3 Jahre getanzt haben und in etwa 1x/Woche tanzen gewesen sein…

    Und noch ein weiterer Tipp: lest die Tanzpartneranzeige in der Tanzpartnerbörse gründlich! Das kann auch sehr aufschlussreich sein.

    Ich denke so könnt Ihr viele der oben beschriebenen Typen von vorne herein per E-Mail oder Telefon aussortieren. Es dauert zwar dann etwas länger, aber dafür spart Ihr euch so schreckliche Typen, wie oben beschrieben….

    • Hallo Stefan,

      oh ja, das glaub ich, dass das nach wie vor so ist, dass viele Tanzen mit Dating verwechseln. Sehr gelacht hab ich grad über „dass praktisch über Nacht alle zuvor hoch gelobten Tanzkenntnisse abhanden gekommen sind.“ 😉

      Danke für die ergänzenden Tipps.

      Viele Grüße
      Gitte

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